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Holocaustzeitzeugenbericht: „Schau dort, wo der Rauch ist. Dort ist deine Mutter“


Von Lucie  Schrage

 

Genervt ein dickes Buch zu öffnen, Seiten über Seiten zu lesen und die wichtigsten Inhalte hinaus zuschreiben ist für uns alle die Alltagssituation im Geschichtsunterricht.

Wir lesen nur Schilderungen,  Briefe und Sachtexte über eine jeweilige Zeit, betrachten die Fakten und bewerten historische Sachverhalte.

Doch am Montag, den 08.10.2018, bekamen wir als Schüler die Gelegenheit, uns von einer Holocaustzeitzeugin ihre persönliche Geschichte erzählen zu lassen.

Shoshona Direnfeld, die 1928 in Ungarn geboren wurde, erzählte uns, wie schwer die Zeit des NS- Regime für eine Jüdin war. Sie wurde gezwungen, einen Judenstern zu tragen und musste im Alter von 12 Jahren die Schule verlassen. Bereits diese Änderung war schwer, denn „ es war traurig aufhören zu lernen“. 

Die zunehmende Diskriminierung von Juden, die in einer systematischen Verfolgung endete, ging auch an ihr und ihrer Familie mit den insgesamt acht Kindern nicht vorbei. Auch ihrer Familie wurden ihr Auto und ihr weiterer Besitz genommen. Weshalb Shoshona sich im jungen Alter von vierzehn Jahren auf die Arbeitsuche machte. Mutig betrat sie ein Geschäft, welches an der Tür deutlich eine Warnung enthielt, dass Juden nicht erwünscht seien. Sie bettelte die Geschäftsführerin an, ihr Arbeit zu geben und schilderte ihre schlechte Lage. Das große Mitleid für das junge Mädchen ließ die Geschäftsführerin nachgeben. Sie forderte sie auf den Stern abzulegen und niemals zuzugeben, dass sie eine Jüdin sei.

Vieles, was in den nächsten Jahren passierte, bekam ihre Familie ohne den Besitz von Telefon, Radio oder Fernsehen nicht mit. Jedoch wurden auch sie im Jahre 1944 zur Deportation abgeholt.

 „ Barbarisch“, so die Zeitzeugin, waren die Transportbedingungen in einem Viehwagen der Eisenbahn, der sie ins Ghetto brachte, wo sie kaum Essen zur Verfügung hatten. Dies blieb jedoch nicht ihre letzte Station. Auch aus diesem Ghetto wurden sie wieder abgeholt und musste vier Tage  ohne Wasser oder Nahrung in dem Zug verbringen, der sie direkt nach Auschwitz brachte.

Hier rettete eine bestimmte Intuition der damals 15- jährigen das Leben. Denn bei der durchgeführten Selektion entschied sie sich zu lügen und sich als achtzehn auszugeben. Sie und drei weitere Schwestern wurden nach rechts geschickt. Ihre Mutter und ihre weiteren Geschwister, die nach links geschickt wurden, sollten sie nie wiedersehen. Der SS Lagerarzt Josef Mengele entschied hier über Leben und Tod und schickte Kinder, Schwache und Alte nach links. Dieser Weg führte direkt in die Gaskammer und in den Tod.

Insgesamt 2 Millionen Kinder fanden im Holocaust  ihren Tod und auch Shoshona musste sich vom einem Wärter anhören lassen : „ schau dort, wo der Rauch ist. Dort ist deine Mutter“.

Kurz vor der Befreiung durch die Rote Armee im Frühjahr 1945 wurden die Überlebenden auf  einen Todesmarsch geschickt. Die geschwächten Häftlinge gingen solange bis sie umfielen und einfach zurückgelassen wurden.

Sie erzählte uns von ihrem Lageralltag: dem „ Sand im Essen“ und dem „ verrückt machen mit Musik“, die alle aus ihren Baracken holte und dazu zwangen, ewig draußen in der Kälte zu stehen. Shoshona konnte sich nicht nur genau an ihre Barackennummer, die 61807, sondern auch an die Schläge erinnern, die sie erhielt, da sie Schuhe versteckt hielt. Ihren Rücken prägt heute eine große Narbe von diesen Misshandlungen.

Von diesem furchtbaren Ort kam sie nur weg, als sie von einem Mann mitgenommen wurde, der eine Fabrik besaß und Arbeiter benötigte. In diesem Betrieb in Tschechien sei es „ viel besser gewesen“, da sie Essen und richtige Betten erhielten. Über die Zeitung erfuhr sie vom Kriegsende und gelangte mit der Eisenbahn nach Budapest, wo sich eine jüdische-zionistische Organisation befand, die ehemaligen Auschwitzhäftlingen Hilfe anbot.

Sie erfuhr, dass ihr Vater und weitere Geschwister in den Lagern ermordet wurden. Das Trauergefühl begleitet sie nun ihr gesamtes Leben.

Dem Bericht folgte eine Fragerunde, in der wir die Gelegenheit bekamen mit ihr auch über das aktuelle Geschehen in Deutschland zu sprechen. Denn genauso wenig, wie sie den Judenhass versteht, geht es ihr mit Redewendungen wie „ Jedem das Seine“, die zum KZ Buchenwald gehören und nicht so leicht dahingesagt werden sollten. Der Antisemitismus wird auch durch die Schüler und ihren Erfahrungen dargelegt, die berichten, dass sie das Wort „Jude“ heute auch als Schimpfwort gehört oder auch kennen gelernt haben.

Shoshana stellte klar, wie wichtig es ist, nicht zu vergessen, die Geschichte unseres Landes zu erzählen, damit so etwas nie wieder passieren kann.

Denn für sie gibt es nicht eine Nacht, in der sich nicht daran zurückdenken muss. Mit großer Mühe erzählte sie uns ihre Geschichte, die sie noch nicht mal ihren Kindern erzählen wollte.

Wir stellten am Ende fest, dass unsere Generation keine Schuld an diesem Geschehen trägt, doch wir sind verantwortlich dafür, dass so etwas nie etwas passiert.

Und als um drei Uhr die Stühle zurückgeschoben werden und die Schule verließen, ist wieder ein Schultag vorbei, nur mit dem Unterschied, dass wir an diesem Tag noch so viel mehr mitnehmen. Wir wollen nicht mehr wegsehen.

 Lucie Schrage 12. Jahrgangsstufe Berufliches Gymnasium/OSZ MOL, Geschichtskurs Möller